Thursday, June 23, 2005

Überraschungen

Letzte Nacht habe ich mal wieder schlecht geschlafen, wahrscheinlich wegen Vollmond (und natürlich Lariam, der lustigen Malariaprophylaxe). Außerdem hatte ich das Gefühl, Flöhe im Bett zu haben, die mich pausenlos piesackten, möglicherweise handelte es sich nur Flohparanoia.
Um 4:30 h hörte ich, wie ein LKW in den Innenhof fuhr. Ich dachte, die Arbeiter würden die verbleibenden Materialien für den Wiederaufbau der Mauer (der fast beendet ist!) abholen, über solche Arbeitszeiten wundere ich mich lange schon nicht mehr…

Als ich dann um viertel vor acht aufstand und mit der Zahnbürste im Mund durchs Zimmer lief, fiel mein Blick durchs Fenster auf den Hof. Da sah ich dann, was in der Nacht angeliefert worden war (im ersten Moment hoffte ich, ich wäre wieder eingeschlafen und hätte mal wieder so einen fiesen Traum):




Der schöne Landrover ist also komplett im Brötchen. Der Fahrer von NDI (National Democratic Institute aus Washington D.C.) war unterwegs mit einem Kollegen und dessen Bruder. Letzterer kam bei dem Unfall ums Leben. Schrecklicherweise waren die drei unterwegs zu einer Beerdigung.



SLANGO: Vorgestern waren endlich zwei Herren im „SierraTel“-Blaumann im Büro, um die Telefonleitung, die seit dem Blitz vor über einer Woche still liegt, zu reparieren. Am Ende meinten sie, sie seien fertig und erwarteten von mir ein wenig Geld, so als Motivation, weil man ja schließlich freiwillig gekommen sei und so. Ich forderte eine ordentliche Rechnung und versprach baldige Begleichung dieser. Nein, sie könnten keine Rechnung schreiben, einfach so etwas Geld wollten sie, das wäre üblich. Ich hatte nur noch 7.000 Leone bei mir (und war in Eile), die gab ich ihnen, woraufhin sie meinten: „Das ist ja sehr, sehr wenig.“ Gestern Morgen komme ich ins Büro und traue meinen Augen nicht: Beide Telefone sind von den Kabeln getrennt, nichts geht mehr.
Ich werde mich die Tage an SierraTel wenden und diesen Fall auf Topmanagementebene kommunizieren. Schauen wir mal, was aus den beiden Blaumännern dann wird.

Freetown wartet also jeden Tag mit irgendeiner neuen Überraschung auf.

Im Büro geht es hoch her: Die Koordinatorin ist wieder hier und tut, als wäre nichts gewesen. Ich habe dem Executive Committee einen Bericht über die sehr denkwürdige Situation im Büro und viele Verbesserungsvorschläge geliefert, langsam habe ich auf diesen Zirkus keine Lust mehr. Wenn nicht sehr bald Entscheidungen getroffen werden, weiß ich nicht, ob ich in der Lage bin, für SLANGO weiter zu arbeiten (im VSO-Büro gibt es sonst auch jede Menge Gutes zu tun). Jedenfalls hatte ich bis dato viel Arbeit, und langweilig wurde es wirklich selten!

Wednesday, June 15, 2005

Vom Blitz getroffen!

Von wegen Tagebuch, ist wohl eher ein Wochenbuch!

Am Montag früh fühlte ich mich sehr müde und schlapp. Es regnete. Und wenn es hier regnet, dann in einer Intensität, die man aus Europa nicht gewöhnt ist. Als ich den Fuß vor die Tür setzte, war ich direkt bis zum Knie nass, weil die Sturzbäche in unserer Straße tiefer und viel schneller waren als sie aussahen. Nachdem ich mich wieder umgezogen hatte (Lederschuhe aus, Flipflops an, Hosen hochgekrempelt), machte ich mich doch auf den Weg und watete die 70 Meter durch reißende Flüsse und wadenhohe Seen. Trotz Regenschirm völlig durchnässt komme ich als Erster im Büro an. Ich fahre meinen Laptop hoch und versuche mich ins Netz einzuwählen. Gerade als ich das Telefonkabel angeschlossen habe, passiert es: Ein greller Blitz erhellt das sonst dunkle Büro, gleichzeitig ohrenbetäubender Donner. Und im selben Moment bekomme ich über meinen Computer einen Schlag versetzt. Ich schreie, springe auf und merke, dass mir die Haare (trotz Gel) zu Berge stehen. Danach war ich endlich richtig wach!

Bis heute ist in der gesamten Umgebung das gesamte Telefonnetz außer Betrieb, kein Mensch weiß, wann das behoben wird. Die Leute sagen, das sei alles erst der Anfang der Regenzeit.

Eine Minute später steht Bulu, einer der Guards unseres Grundstücks, im Büro: „Mr. Richard, we have a problem, can you call the landlord please?“. Nachdem ich den Vermieter angerufen und meine Haare wieder arretiert habe, möchte ich mir selbst ein Bild machen und gehe wieder nach Hause (auf Computer habe ich heute keine Lust mehr). Dort erwartet mich folgendes: Oberhalb meines Grundstücks wird ein neues Haus gebaut. Die Leute dort hatten entweder keine Lust oder keine Ahnung, eine Dränage zu legen. Unser Grundstück ist rundherum von einer sehr dicken, sehr hohen Backsteinmauer umgeben. Auf dem Nebengrundstück sammelt sich also schnell das Wasser aufgrund mangelnder Ablaufmöglichkeit an und bildet einen lustigen See. Unserer Mauer werden diese Wassermassen irgendwann zuviel, so dass sie dem ungeheuren Druck nachgibt.
Ich schätze, Bulu sind seine gekrüselten Haare genauso zu Berge gestanden, als er plötzlich eine Wildwasserbahn aus Unmengen schäumenden Wassers und großen Backsteinen über unseren Hof fliegen sah…

Montagabend dann aber ein sehr lustiger Hash Run hoch oberhalb der Stadt, immer noch in diesem apokalyptischen Unwetter. Noch einen Blitz überlebe ich nicht, denke ich. Es geht aber alles gut. Wir passieren sogar das norwegische Konsulat. Auf mein Klopfen an der Pforte hörte ich jedoch nur böses Hundegebell.

Heute Executive Meeting bei Slango: Koordinatorin für 5 Arbeitstage vom Dienst suspendiert, ich bin vom Chairman mit der Leitung des Büros beauftragt („Mr. Offermann as chief officer in charge…“). Na bitte, geht doch!

Ach, noch vergessen: Am Wochenende fand in Freetown das Peace Tournament, ein Fußballturnier statt, Sierra Leone, Liberia, Gambia und Guinea stritten sich um den silbernen Pokal, ich habe zwei wirklich gute Spiele in der „presidential area“ genießen können, war wirklich klasse! Den Kelch hat Sierra Leone mit nach Hause genommen – selbstredend.


Was gibt’s noch? Ach ja, ich komme jetzt immer an frische Schrimps ran (unter ein Euro das Dutzend), endlich kann man mal wirklich genießen. Apropos: Die Ratten essen in der Küche jede Nacht die knallblauen Giftköder, die ich fleißig jeden Abend auslege. Ich glaube inzwischen nicht mehr daran, dass diese wirklich giftig sind, aber es wird zu einem Ritual, ohne das ich Abends nicht mehr einschlafen kann…

Monday, June 06, 2005

Ankes letztes Wochenende

Anke macht heute den Hasen. Um vier zum Helikopter, von dort zum Flughafen, dann nach London und von dort nach Berlin. Alles in allem 24 Stunden.

Am Wochenende (nachdem ich mich etwas von einer weiteren Magen-Darm-Attacke erholt hatte) waren wir in der Schimpanserie zu Freetown. Hier, hochoben über Freetown im Regenwald, werden Affen, die sich in der Gefangenschaft befanden, aufgepäppelt und wieder in Form gebracht. Schönes Gelände mit viel Auslauf. Ein Affe aß seinen Kot und trank sein Urin. Auch sonst war es wirklich ein schöner Ausflug!



Auf dem Rückweg ist leider unsere Karre verreckt. In der Mitte des Stadteils Lumley, direkt neben einem riesigen Müllhaufen blieben wir stehen. Dann sind wir halt zu Fuß nach Hause gegangen.

Übrigens scheint jetzt wirklich langsam die Regenzeit zu beginnen: