Von wegen Tagebuch, ist wohl eher ein Wochenbuch!
Am Montag früh fühlte ich mich sehr müde und schlapp. Es regnete. Und wenn es hier regnet, dann in einer Intensität, die man aus Europa nicht gewöhnt ist. Als ich den Fuß vor die Tür setzte, war ich direkt bis zum Knie nass, weil die Sturzbäche in unserer Straße tiefer und viel schneller waren als sie aussahen. Nachdem ich mich wieder umgezogen hatte (Lederschuhe aus, Flipflops an, Hosen hochgekrempelt), machte ich mich doch auf den Weg und watete die 70 Meter durch reißende Flüsse und wadenhohe Seen. Trotz Regenschirm völlig durchnässt komme ich als Erster im Büro an. Ich fahre meinen Laptop hoch und versuche mich ins Netz einzuwählen. Gerade als ich das Telefonkabel angeschlossen habe, passiert es: Ein greller Blitz erhellt das sonst dunkle Büro, gleichzeitig ohrenbetäubender Donner. Und im selben Moment bekomme ich über meinen Computer einen Schlag versetzt. Ich schreie, springe auf und merke, dass mir die Haare (trotz Gel) zu Berge stehen. Danach war ich endlich richtig wach!
Bis heute ist in der gesamten Umgebung das gesamte Telefonnetz außer Betrieb, kein Mensch weiß, wann das behoben wird. Die Leute sagen, das sei alles erst der Anfang der Regenzeit.
Eine Minute später steht Bulu, einer der Guards unseres Grundstücks, im Büro: „Mr. Richard, we have a problem, can you call the landlord please?“. Nachdem ich den Vermieter angerufen und meine Haare wieder arretiert habe, möchte ich mir selbst ein Bild machen und gehe wieder nach Hause (auf Computer habe ich heute keine Lust mehr). Dort erwartet mich folgendes: Oberhalb meines Grundstücks wird ein neues Haus gebaut. Die Leute dort hatten entweder keine Lust oder keine Ahnung, eine Dränage zu legen. Unser Grundstück ist rundherum von einer sehr dicken, sehr hohen Backsteinmauer umgeben. Auf dem Nebengrundstück sammelt sich also schnell das Wasser aufgrund mangelnder Ablaufmöglichkeit an und bildet einen lustigen See. Unserer Mauer werden diese Wassermassen irgendwann zuviel, so dass sie dem ungeheuren Druck nachgibt.
Ich schätze, Bulu sind seine gekrüselten Haare genauso zu Berge gestanden, als er plötzlich eine Wildwasserbahn aus Unmengen schäumenden Wassers und großen Backsteinen über unseren Hof fliegen sah…
Montagabend dann aber ein sehr lustiger Hash Run hoch oberhalb der Stadt, immer noch in diesem apokalyptischen Unwetter. Noch einen Blitz überlebe ich nicht, denke ich. Es geht aber alles gut. Wir passieren sogar das norwegische Konsulat. Auf mein Klopfen an der Pforte hörte ich jedoch nur böses Hundegebell.
Heute Executive Meeting bei Slango: Koordinatorin für 5 Arbeitstage vom Dienst suspendiert, ich bin vom Chairman mit der Leitung des Büros beauftragt („Mr. Offermann as chief officer in charge…“). Na bitte, geht doch!
Ach, noch vergessen: Am Wochenende fand in Freetown das Peace Tournament, ein Fußballturnier statt, Sierra Leone, Liberia, Gambia und Guinea stritten sich um den silbernen Pokal, ich habe zwei wirklich gute Spiele in der „presidential area“ genießen können, war wirklich klasse! Den Kelch hat Sierra Leone mit nach Hause genommen – selbstredend.

Was gibt’s noch? Ach ja, ich komme jetzt immer an frische Schrimps ran (unter ein Euro das Dutzend), endlich kann man mal wirklich genießen. Apropos: Die Ratten essen in der Küche jede Nacht die knallblauen Giftköder, die ich fleißig jeden Abend auslege. Ich glaube inzwischen nicht mehr daran, dass diese wirklich giftig sind, aber es wird zu einem Ritual, ohne das ich Abends nicht mehr einschlafen kann…